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Dr. Silva H. Ladewig

Vor dem ersten Wort: Der Alaska-Gipfel im Zeichen von Gesten und Inszenierung

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Feldnotizen einer Linguistin für ein allgemeines Publikum (16. August, 13:24 Uhr)

Am 15. August trafen sich Donald Trump und Wladimir Putin auf der Joint Base Elmendorf-Richardson in Anchorage zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht seit vor Russlands großangelegter Invasion in die Ukraine. Der Gipfel endete ohne Waffenstillstand, doch die Eröffnungssequenz war reich an kommunikativen Signalen.

Warum dieser Moment wichtig war

Noch bevor das erste Wort gesprochen wurde, erzählte die Begegnung eine Geschichte. Reihenfolge der Ankunft, Tempo, Blick und Berührung setzten Erwartungen für das, was folgen sollte.
In der Gestikforschung sind drei Blickwinkel besonders hilfreich:

  • Chronemik (Zeit): Wer kommt wann, wer pausiert, wer initiiert.

  • Kinesik (Körperbewegung): Haltung, Gang, emblematische Gesten (z. B. Daumen hoch) und Applaus.

  • Haptik (Berührung): Ob und wie sich Personen zur Begrüßung berühren.

Zusammen stützen diese Elemente die Botschaft: Freundschaft und Kooperation im Rampenlicht eines geopolitischen Konflikts.

Die Ankunft bestimmt das Tempo (Chronemik)

Die geteilte Bildschirmansicht verweilte auf beiden Flugzeugtüren und erzeugte damit einen spannungsgeladenen, fast dialogischen Rhythmus: Tür gegen Tür. Diese Gegenüberstellung der Türen signalisiert Ko-Präsenz (ein gleichzeitiges Erscheinen) und steigert die Spannung in Hinblick auf die Frage, wer die Tür zuerst öffnen wird.

planes Putin–Trump

Warum das wichtig ist: In Statusverhandlungen leistet Zeitlichkeit stille politische Arbeit. Tür gegen Tür: Das Bild verspricht Parität, das Timing verhandelt Status.

Die Treppen hinunter: erste Auftritte (Kinesik)

Zuerst öffnet sich die Tür von Putins Flugzeug – ein Signal der Bereitschaft zur Begegnung –, doch er selbst tritt nicht sofort hervor. Dann erscheint Trump aus seiner Maschine und setzt mit seinem typischen Faustgruß in Richtung Publikum ein markantes Zeichen der Selbstsicherheit.

open door Putin                 fist bump Trump

Erst danach zeigt sich Putin, schreitet in ruhigem Tempo die Treppe hinab, während Trump bereits auf den roten Teppich zusteuert. Schritt für Schritt entsteht so eine proxemische Trajektorie – eine Bewegungslinie im Raum, die beide Körper auf ein gemeinsames Zentrum ausrichtet.

approaching

Forschungsblick: Haltung und Gang prägen die Wahrnehmung von Selbstsicherheit und Zugänglichkeit. Große Gesten wie Trumps Faustgruß wirken als Signale, die den Auftritt markieren und hervorheben.

 

Interaktion auf Distanz: Applaus trifft Daumen hoch

Noch mehrere Meter voneinander entfernt, beginnen die Männer miteinander zu interagieren. Trump dreht sich über den Teppich hinweg Putin zu und klatscht – eine öffentliche, zugewandte Anerkennung, die zugleich als Einladung wirkt: Ich sehe dich; tritt in diesen Moment ein. Putin antwortet mit einer beidhändigen Daumen-hoch-Geste, einem sichtbaren Signal der Zustimmung. Die beiden Gesten wirken komplementär: Applaus zeigt Zugewandtheit gegenüber dem Anderen, der Daumen hoch bestätigt ihn.

 
applause           thumbs up

Forschungsblick: Embleme haben relativ stabile Bedeutungen über Kontexte hinweg. Mit beiden Händen ausgeführt, verstärken sie Wirkung und Sichtbarkeit – oft gezielt für Fernsehbilder.

Handschlag anzeigen: Einladung und Annahme

Noch bevor sie die Distanz schließen, streckt Trump die rechte Hand aus – ein projizierter Händedruck als Einladung. Putin hebt seine rechte Hand auf Brusthöhe – die demonstrative Vorform zur Berührung – und nimmt das Angebot sichtbar an, noch bevor er bei Trump angekommen ist. 

reaching out           accept

Diese Zweischritt-Choreografie („Angebot“/„Annahme“) bindet beide Sekunden vor der tatsächlichen Berührung öffentlich an eine freundliche Geste.

accept invitation

Forschungsblick: Gesten kündigen bevorstehende Handlungen an (projezieren) und ermöglichen es Beobachter*innen, Koordination zu antizipieren  (Kendon: sichtbare Handlung als Äußerung).

Der Handschlag – und die Wirkung der Berührung (Haptik)

Der Händedruck entfaltet sich in mehreren Phasen (gemessen vom ersten Kontakt bis zum Lösen nach etwa 11 Sekunden):

  1. Kontakt im Gehen. Während Putin weiter voranschreitet, erzeugt der Übergang von Bewegung zu Stillstand ein momentanes Ungleichgewicht – ein scheinbares Ziehen, das ihn zu Trump hinzuziehen scheint. In dieser Lesart ist der Handschlag nicht nur eine Begrüßungsgeste, sondern auch ein Scharnier zwischen Bewegung und Pause, zwischen Mobilität und Verankerung. Was wie ein einfacher Gruß wirkt, ist zugleich eine proxemische Anpassung, die Bewegung und Haltung in einem einzigen koordinierten Akt verbindet.

    pulling

  2. Oberarmberührung durch Putin. Während der Händedruck noch andauert, legt Putin seine linke Hand auf Trumps rechten Oberarm. Diese zusätzliche Berührung fungiert als Verstärkung der Geste und deutet zugleich eine leichte Rahmung oder Steuerung der Interaktion an.

    first touch1

  3. Trumps Erwiderung. Trump spiegelt mit zwei leichten Klopfern auf Putins Oberarm und verwandelt die einseitige Steigerung in einen gegenseitigen Dialog der Berührung.

    second touch

  4. Unterarm-/Handberührungen und gemeinsames Lachen. Die Berührung wandert weiter (Unterarm, dann Handrücken), während beide lachen und sprechen – Signale von Leichtigkeit und gemeinsamer Rahmung.

          third touch       gesture       tap      laughing

Lesart: Während Berührung im politischen Feld als Marker von Dominanz fungieren kann, erschwert die wechselseitige Abwechslung hier eine solche Lesart. Jeder Partner antwortet und spiegelt der Reihe nach, wodurch Solidarität erzeugt wird, ohne den Statusunterschied zu verschieben.

Das Foto‑Op: den Händedruck vorführen

Am Podest treten sie erneut in einen Händedruck, nun vor allem für die Kameras – eine Meta-Geste („seht, wir schütteln uns die Hand“). Trump fügt ein leichtes Klopfen auf Putins Hand hinzu, ein klassischer väterlicher Akzent, der je nach Zuschauer als Überlegenheit oder Fürsorge gelesen werden kann.

tapping           doing shaking

Forschungsblick: Foto-Op-Gesten sind ritualisierte Wiederholungen (Goffmans Rahmenanalyse), adressiert nicht an den Partner, sondern an den offiziellen Mithörer – die Öffentlichkeit.

 

Was wir ableiten können (und was nicht)

Wir können sagen, dass die Begrüßung darauf angelegt war, Kooperation zu kommunizieren: das frühe Ausstrecken der Hand, gegenseitiges Lächeln, emblematische Zustimmung, verlängerter Kontakt, wechselseitige Armberührungen und ein gemeinsames Fahrzeug weisen alle in diese Richtung.

Wir können jedoch aus Gesten allein weder private Intentionen noch Ergebnisse ablesen. Dieselbe Choreografie kann unterschiedlichen strategischen Zielen dienen – etwa Wohlwollen zu inszenieren, während hinter verschlossenen Türen hart verhandelt wird. Am Ende des Tages stand immer noch kein angekündigter Waffenstillstand.

 

Warum das für Zuschauer wichtig ist

Fernseh-Diplomatie ist Theater ebenso wie Gespräch. Kleine verkörperte Bewegungen – wann sich Türen öffnen, wer den ersten Schritt macht, wie lange Hände ineinanderliegen – sind die „Untertitel“ für Macht und Zugehörigkeit. Linguisten und Gestenforscher bezeichnen dies als Embleme, Rituale und proxemische Entscheidungen, und sie prägen zuverlässig, wie Drittparteien die Interaktion wahrnehmen – insbesondere in den ersten 30 Sekunden, bevor überhaupt politische Sprache greift.


Literatur

  • Zur Frage, wie Gesten Handlungen projizieren und koordinieren: Kendon, A. Gesture: Visible Action as Utterance. Cambridge University Press.
  • Zu Emblemen und ihren konventionellen Bedeutungen: Ekman, P., & Friesen, W. The Repertoire of Nonverbal Behavior. Semiotica / Consulting Psychologists Press.
  • Zu Proxemik und räumlichen Normen: Hall, E. T. The Hidden Dimension. Doubleday.
  • Allgemeiner Überblick zu Haptik und Chronemik: Knapp, M., Hall, J., & Horgan, T. Nonverbal Communication. Wadsworth/Cengage.
  • Zum interaktionalen Spiegeln: Chartrand, T., & Bargh, J. The Chameleon Effect: The Perception–Behavior Link and Social Interaction. Journal of Personality and Social Psychology (APA).
  • Dazu, wie öffentliche Rituale für Zuschauer inszeniert werden: Goffman, E. Frame Analysis. Harvard University Press.

nonverbale Kommunikation, Trump, Putin, Alaska 2025, Handschlag, politische Inszenierung

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Verkörperte Schärfe: Die Schneidegeste in politischen Talkshows

 

In politischen Diskussionen zählen nicht nur Worte. Gesten betonen Standpunkte und verstärken die rhetorische Wirkung der Sprechenden. Besonders die Schneidegeste spielt hier eine Rolle. Meine aktuelle Studie untersucht ihre Verwendung in deutschen politischen Talkshows.

Was ist die Schneidegeste?

Die Schneidegeste (Slicing gesture) ist eine rekurrente Geste, bei der die flache Hand mit der Kante nach unten geführt wird. Diese Geste vermitteltSchärfe, Entschlossenheit und Klarheit* Durch ihre Nutzung können Redner*innen in politischen Talkshows ihre Argumente definieren und ihre Position im Diskurs verstärken.

Welche Funktionen erfüllt die Schneidegeste?

Laut meiner Studie erfüllt die Slicing-Geste verschiedene kommunikative Funktionen:

Definition eines Diskursobjekts: Sie wird genutzt, um Ideen oder Argumente zu definieren.
Diskursive Funktion: Sie erfüllt eine diskursive Funktion, indem sie die argumentative Gewichtung einer Aussage erhöht und deren semantische Prägnanz verstärkt.
Metapragmatische Bedeutung: Die Geste zeigt, dass der Sprecher etwas klar definieren möchte.
Stance-Taking: Sie hilft dabei, eine persönliche Haltung oder Meinung deutlich zu machen.

Besonders auffällig ist, dass die Slicing-Geste oft in Sequenzen auftritt, also mehrfach wiederholt wird. In diesen Kontexten entsteht die metapragmatische Bedeutung von "etwas scharf und klar definieren."

Gesten mit rhetorischer Wirkung

In politischen Talkshows geht es nicht nur um Argumente, sondern auch um Eindruck und Selbstinszenierung. Die Studie zeigt, dass Politiker*innen und Expert*innen mittels rekurrenter Gesten rhetorische Qualitäten verkörpern können. Im Fall der Schneidegeste sind es die Qualitäten von Schärfe, Entschlossenheit und Engagement.

Ein interessanter Aspekt ist die körperliche Wahrnehmung dieser Gesten. Die Ausführenden spüren die Bewegung selbst und erleben dadurch die Entschlossenheit, die sie vermitteln möchten. Ebenso können Adressat*innen diese Schärfe durch ihre Beobachtung nachempfinden.

Fazit: Mehr als nur eine Handbewegung

Diese Erkenntnisse verdeutlichen, dass politische Kommunikation nicht nur auf sprachlichen Mitteln beruht, sondern auch auf gestischen Ausdrucksformen. Die Schneidegeste fungiert als semiotische Ressource, die es Sprechenden ermöglicht, Argumente zu strukturieren und ihre rhetorische Positionierung zu verkörpern und zu visualisieren.

Quelle:

Ladewig, Silva H. (2025). Embodied sharpness: exploring the slicing gesture in political talk shows, In: Frontiers in Psychology 15. doi:10.3389/fpsyg.2024.1494192

nonverbale Kommunikation, Gesten in der Politik, recurrent gesture, Gestikforschung, konventionalisierte Gesten

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Wenn Worte stocken, schweigen die Hände

  • Teaser zum Blogbeitrag DE: Studien zeigen, dass Sprache und Gesten eng miteinander koordiniert sind. Wenn wir beim Sprechen Pausen einlegen, Füllwörter verwenden oder zögern, pausieren oft auch unsere Gesten.
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Stell dir vor, du erzählst eine spannende Geschichte. Deine Hände bewegen sich dabei, als würdest du die Worte in die Luft malen. Doch plötzlich suchst du nach dem nächsten Wort – und deine Hände bleiben ebenfalls still. Warum passiert das? Der Grund liegt in der tiefen Verbindung zwischen Sprache und Gestik. Gesten sind ein zentraler Bestandteil der Sprachproduktion, da sie unsere Kommunikation wesentlich unterstützen und erleichtern.

Gesten und Sprache: Ein synchronisiertes System

Forschungen zeigen, dass Sprache und Gesten eng miteinander koordiniert sind. Wenn wir beim Sprechen Pausen einlegen, Füllwörter verwenden oder zögern, pausieren oft auch unsere Gesten. Studien verdeutlichen, dass Gesten öfter gehalten werden, wenn das Sprechen nicht flüssig ist. Dieser Befund unterstreicht die enge Verbindung von Geste und Sprachfluss. Beide Prozesse laufen synchron ab; gerät die sprachliche Produktion ins Stocken, verliert die Geste ihre kognitive Orientierung und stoppt ebenfalls.

Die Rolle von Gesten bei der Reduktion kognitiver Belastung

Gesten reduzieren die kognitive Belastung beim Sprechen. Sie helfen dabei, Wörter zu finden und Sätze zu strukturieren. Wenn Sprecher ihre Gesten unterdrücken, steigt die kognitive Belastung, was zu mehr Anstrengung führt, um flüssig zu sprechen. Eine erhöhte kognitive Belastung führt zu mehr Unsicherheiten, während Gesten helfen, diese zu mindern. Eine Erklärung dafür ist, dass Gesten kognitive Hinweise bieten, die uns helfen, die richtigen Worte zu finden. Ohne diese Unterstützung muss das Gehirn mehr Ressourcen auf die sprachliche Planung verwenden.

Auswirkungen des Unterdrückens von Gesten

Gesten verbessern die Sprachflüssigkeit, indem sie komplexe Gedanken darstellen und so die Wortfindung erleichtern. Gesten sind eng mit der sprachlichen Produktion verknüpft sind und helfen, Gedanken flüssiger auszudrücken. Wenn wir gestikulieren, unterstützen unsere Handbewegungen die Sprachproduktion auf motorischer und kognitiver Ebene. Werden Gesten unterdrückt, steigt die kognitive Belastung, und die Sprachproduktion gerät ins Stocken.

Ein differenziertes Bild der Geste

Wie bei jeder Regel gibt es auch hier Ausnahmen. Eine Studie von Avcı et al. (2022) zeigte, dass das Unterdrücken von Gesten nicht immer dieselben negativen Auswirkungen hat. Besonders bei narrativen Erzählungen scheint das Sprechen auch ohne Gesten relativ flüssig zu bleiben. Interessanterweise sind es vor allem räumliche Informationen, die ohne die Hilfe von Gesten schwieriger zu vermitteln sind. Dies zeigt, dass die Funktion von Gesten stark vom Kontext abhängt: Wenn es darum geht, komplexe räumliche Zusammenhänge zu erklären, sind unsere Hände besonders wichtig. Hingegen spielen sie eine weniger bedeutende Rolle, wenn wir einfache Geschichten oder Anekdoten erzählen.

Fazit: Warum wir ohne Gesten ins Stocken geraten

Gesten sind ein zentraler Bestandteil der Sprachproduktion. Sie reduzieren die kognitive Belastung, verbessern die Sprachflüssigkeit und sind unverzichtbar für eine natürliche Kommunikation. Wenn wir ins Stocken geraten, liegt das oft daran, dass Sprache und Geste synchron arbeiten – und wenn eine dieser Komponenten ins Stocken gerät, pausiert die andere ebenfalls. Dies verdeutlicht, wie eng unsere motorischen und kognitiven Prozesse miteinander verknüpft sind. Das nächste Mal, wenn du merkst, dass deine Hände stillstehen, während du nach den richtigen Worten suchst, denk daran: Dein Gehirn versucht gerade, das Gleichgewicht wiederherzustellen – und die Gesten sind ein wichtiger Teil dieses Prozesses.

 

Wichtige Literatur

  • Reduktion kognitiver Belastung: Krauss, R. M., Chen, Y., & Gottesman, R. F. (2000). Lexical gestures and lexical access: A process model. New Directions for Child and Adolescent Development, 2000(79), 71-83. Betz, S., Bryhadyr, N., Türk, O., & Wagner, P. (2023). Cognitive Load Increases Spoken and Gestural Hesitation Frequency. Languages, 8(1), 71.

  • Unterstützung der Sprachflüssigkeit: Hostetter, A. B., & Alibali, M. W. (2008). Visible embodiment: Gestures as simulated action. Psychonomic Bulletin & Review, 15(3), 495-514. Avcı, C., Arslan, B., & Göksun, T. (2022). Gesture and Speech Disfluency in Narrative Context: Disfluency Rates in Spontaneous, Restricted, and Encouraged Gesture Conditions. Proceedings of the Annual Meeting of the Cognitive Science Society.

  • Auswirkungen des Unterdrückens von Gesten: Krauss, R. M., Chen, Y., & Gottesman, R. F. (2000). Lexical gestures and lexical access: A process model. Betz, S., Bryhadyr, N., Türk, O., & Wagner, P. (2023). Languages, 8(1), 71.

  • Gesten und Unsicherheiten: Graziano, M., & Gullberg, M. (2018). When speech stops, gesture stops: A cross-linguistic study of the timing of gestures with speech. Journal of Pragmatics, 123, 105-119. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der Sprachproduktion, der uns dabei hilft, komplexe Gedanken klarer auszudrücken.

nonverbale Kommunikation, Sprachproduktion

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Die Ringgeste: Wie Politiker gestisch einen Punkt setzen

  • Teaser zum Blogbeitrag DE: In der politischen Kommunikation ist die Ringgeste eine der am weitesten verbreiteten und ältesten Handbewegungen, die wir kennen. Schon seit etwa 2500 Jahren
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In der politischen Kommunikation ist die Ringgeste eine der am weitesten verbreiteten und ältesten Handbewegungen, die wir kennen. Schon seit etwa 2500 Jahren wird sie in der europäischen Kultur dokumentiert und findet sich in Kulturen weltweit.

Was ist die Ringgeste?

Die Ringgeste zeigt eine spezifische Handform, bei der Daumen und Zeigefinger an den Fingerspitzen so aufeinandertreffen, dass die Finger eine (mehr oder weniger) runde Form – einen Ring – bilden. Manchmal wird sie auch mit dem Mittelfinger ausgeführt, der den Daumen berührt. Die Position der verbleibenden Finger kann variieren: Sie sind entweder gespreizt oder gebeugt.

Symbolik und Nutzung der Ringgeste

Die Ringgeste, oft auch als "Präzisionsgriff" bezeichnet, ist eine faszinierende Manifestation konventionalisierter Körpersprache, die vielfältig in politischen und sozialen Kontexten eingesetzt wird. Ihre Form-Bedeutungs-Beziehungen sind stabil und sie kann in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Konnotationen tragen.

Während die Geste in einigen nordeuropäischen Ländern als Zeichen für „alles ist okay“ anerkannt ist, kann sie in anderen Teilen, wie im südlichen Europa, als schwerwiegende Beleidigung interpretiert werden. Dies zeigt, wie kulturelle Unterschiede die Wahrnehmung und Interpretation von Gesten

In der politischen Arena wird die Ringgeste oft eingesetzt, um Präzision und Klarheit in der Argumentation zu symbolisieren. Dabei wird häufig die Ringgeste auf und abbewegt. Je emphatischer ein Argument ausgeführt wird, desto öfter wird die Geste wiederholt von oben nach unten bewegt. 

Ein Beispiel - Obama

Interessanterweise hat Michael Lempert eine bemerkenswerte Veränderung im Verhalten von Barack Obama während der ersten Präsidentschaftsdebatte festgestellt. Obama inszenierte sich nicht nur verbal, sondern auch gestisch als präziser Redner. Die Ringgeste, die Lempert als „Precision Grip“ bezeichnet, diente Obama als semiotische Ressource, um nicht nur einen präzisen Punkt zu machen, sondern sich auch als „scharfsinnig“ zu präsentieren.

Fazit

Die Ringgeste zeigt, wie tief Gesten in der menschlichen Kommunikation verwurzelt sind und wie sie kulturelle und zeitliche Grenzen überdauern können. Sie dient als faszinierendes Beispiel dafür, wie Gesten in der politischen Arena und darüber hinaus genutzt werden, um Diskurse zu formen und zu beeinflussen. Außerdem ist sie ein Beispiel dafür, dass in bestimmten Kommunikationskontexten wie Debatten Gesten mit pragmatischer Funktion stärker gebraucht werden als beschreibende Gesten.

Quellen:

Zur Ringgeste im Allgemeinen

Müller, C., Ring-gestures across cultures and times: Dimensions of variation, in Body - Language - Communication. An International Handbook on Multimodality in Human Interaction., C. Cornelia Müller, A., Fricke, E., Ladewig, S. H., McNeill, D., Bressem, J., Editor. 2014, De Gruyter Mouton: Berlin/Boston. p. 1511-1522.

Zur Ringgeste im Deutschen

Neumann, R., The conventionalization of the ring gesture in German discourse, in The semantics and pragmatics of everyday gestures, C. Müller and R. Posner, Editors. 2004, Weidler: Berlin. p. 217-223.

Zur Ringgeste bei Barack Obama

Lempert, M., Barack Obama, being sharp: Indexical order in the pragmatics of precision-grip gesture. Gesture, 2011. 11(3): p. 241-270.

Ringgeste, nonverbale Kommunikation, Gesten in der Politik

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Welche Funktionen erfüllen eigentlich Gesten?

  • Teaser zum Blogbeitrag DE: Gesten sind kommunikative Bewegungen des Körpers und schließen sowohl Bewegungen der Hände und Arme, des Kopfs, ja selbst der Augen mit ein. Gesten werden spontan und ad-hoc im Moment des Sprechens erzeugt. Dabei können sie “frei erfunden” oder bereits etabliert und damit konventioanlisiert sein. Beispiele für Letzteres sind so genannte Embleme, wie der nach oben gestreckte Daumen oder die Victory-Geste, aber auch rekurrente Gesten wie, wie die Geste des Weghaltens oder der nach oben gerichteten Hand.
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Darstellung

Gesten können Objekte, Handlungen, räumliche Beziehungen oder abstrakte Konzepte darstellen. Sie schaffen Verweise auf die außersprachliche Wirklickheit und sind somit in der Lage, Teile der propositionalen Inhalte multimodaler Äußerungen zu formen. Diese Funktion ist besonders bei spontan kreierten Gesten vorherrschend, die die Merkmale der dargestellten Objekte oder Handlungen imitieren oder räumliche Verhältnisse und Größenverhältnisse darstellen. Spontan kreierte Gesten, wie die Darstellung einer Handlung, das Nachzeichnen einer Form oder Raumangaben bilden den Großteil der Gesten, die wir tagtäglich gebrauchen.

Ausdruck

Die expressive Funktion von Gesten bezieht sich auf den körperlichen Ausdruck von Emotionen, Gefühlen und Einstellungen der Sprecherin oder des Sprechers. Diese zeigen sich nicht nur in der Form der Geste, wie beispielsweise einer geballten Faust, sondern besonders in der Art und Weise wie die Geste ausgeführt wird, beispielsweise in einer energischen, kraftvollen Bewegung.

Appell

Gesten können eine appellative Funktion erfüllen, indem sie sich direkt an den Gesprächspartner richten und eine Reaktion oder Handlung einfordern. Diese Funktion manifestiert sich in Gesten, die auf Interaktionsebene fungieren und häufig einen Adressaten- beziehungsweise Adressatinnenbezug herstellen. Gesten mit appellativer Funktion können unter anderem dazu verwendet werden, Teile einer Äußerung zu markieren und für den Adressaten beziehungsweise die Adressatin relevant zu setzen (diskursive Funktion). Dies finden hier häufig in Gesten, die mittels Auf-und Abbwegung Äußerungsteile betonen. Gesten können aber auch selbst eine kommunikative Handlung (performative Funktion) ausführen, beispielsweise, wenn die offen Hand genutzt wird um eine Antwort einzufordern oder jemandem den Platz zuzuweisen. Somit interagieren sie auf der pragmatischen Ebene mit der Rede

Die Vielschichtigkeit von Gesten offenbart sich in ihrer Fähigkeit, simultan mehrere dieser Funktionen zu erfüllen, wobei in der Regel eine der Funktionen dominiert. Diese Multifunktionalität, kombiniert mit der engen Verbindung zwischen Geste und Sprache, unterstreicht die Komplexität der menschlichen Kommunikation und die zentrale Rolle, die Gesten dabei spielen.

Quellennachweise:

Eine Einführung in Sprache und Geste findet sich unter anderem in:

Ladewig, Silva H. (2018). Gesten als Teil von Sprache – Die moderne Gestenforschung. In: Moike Jessen, Johan Bloomberg & Jörg Roche (Hgg.), Kognitive Linguistik. (Kompendium DaF/DaZ, Vol. 2) Tübingen: Narr Verlag, 290-300.

Ladewig, Silva H. (2018) Gesten und ihre Bedeutung. In: Moike Jessen, Johan Bloomberg & Jörg Roche (Hgg.), Kognitive Linguistik. (Kompendium DaF/DaZ, Vol. 2) Tübingen: Narr Verlag, 300-31

https://www.lexikon-mla.de/lexikon/moderne-gestikforschung/

Zu den drei genannten Funktionen findet, siehe:

Müller, C. (2013), Gestures as a medium of expression: The linguistic potential of gestures. In: C. Müller, A. Cienki, E. Fricke, S. H. Ladewig, D. McNeill & S. Teßendorf (Hrsg.) Body – Language – Communication: An International Handbook on Multimodality in Human Interaction. Berlin, Boston: Mouton de Gruyter, 202–217. https://doi.org/10.1515/9783110261318.202

Müller, C., Ladewig, S. H. & Bressem, J. (2013), Gesture and speech from a linguistic point of view. In: C. Müller, A. Cienki, E. Fricke, S. H. Ladewig, D. McNeill & S. Teßendorf (Hrsg.) Body – Language – Communication. An International Handbook on Multimodality in Human Interaction. (Handbooks of Linguistics and Communication Science 38.1.). Berlin, Boston: De Gruyter Mouton, 55-81. https://doi.org/10.1515/9783110261318.55

Müller, C. (1998), Redebegleitende Gesten: Kulturgeschichte, Theorie, Sprachvergleich. Berlin: Arno Spitz.

Zur nach oben gerichteten flachen Hand siehe:

Cooperrider, K., Abner, N.& Goldin-Meadow, S. (2018). The Palm-Up Puzzle: Meanings and Origins of a Widespread Form in Gesture and Sign, Frontiers in Communication, 3(23). DOI: 10.3389/fcomm.2018.00023

Kendon, A. (2004), Gesture. Visible action as utterance. Cambridge: Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/CBO9780511807572

Müller, C. (2004), Forms and uses of the Palm Up Open Hand. A case of a gesture family? In: C. Müller & R. Posner (Hrsg.) Semantics and Pragmatics of everyday gestures Berlin: Weidler, 234-256.

Zur Geste des Weghaltens siehe:

Bressem, J.& Wegener, C. (2021). Handling talk: A cross-linguistic perspective on discursive functions of gestures in German and Savosavo, Gesture, 20(2), 219-253. **https://doi.org/10.1075/gest.19041.bre**

Bressem, J., Stein, N.& Wegener, C. (2015). Structuring and highlighting speech–Discursive functions of holding away gestures in Savosavo, G. Ferré et M. Tutton (ed.) Proceedings of GESPIN, 4, 49-54.

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